Glauben Sie nicht jeden Blödsinn!

Was dieser Beitrag behandelt:

Bei Google finden Sie in letzter Zeit immer mehr Angaben - viele davon ganz weit oben -, die eigentlich seriöse Information zum Thema MPU erwarten lassen sollten, weil sie auf namhafte Webseiten verweisen wie bekannte Zeitschriften, Rundfunksender o.ä. Tatsächlich ist die Qualität der dort gebotenen Informationen oft haarsträubend schlecht. Das reicht von unsinnigen Verallgemeinerungen bis zu echten inhaltlichen Fehlinformationen. Das wäre nicht so schlimm, wenn diese qualitativen Mängel für den Laien erkennbar wäre. Genau das ist aber leider nicht der Fall.

Neulich hat mich jemand überrascht, der mit voller Überzeugung recht seltsame Dinge über die MPU behauptet hat. Er hätte das aus einer absolut seriösen Quelle, die er mir gerne raussuchen kann.

Ein redaktioneller Beitrag der WELT

Hier der Link, den er mir dann gemailt hat: Ein Beitrag der WELT vom 8.6.2016, der ihm bei der Google-Abfrage "MPU nicht bestanden" gezeigt wurde.

Es lohnt sich den verlinkten Beitrag aufmerksam zu lesen und sich zu überlegen, wie weit sie ihm inhaltlich vertrauen möchten und wie nützlich Sie das finden, was Sie dort erfahren haben.

Hier meine Auswertung:

Bericht eines Betroffenen

Ich zitiere:
Ein Lkw-Fahrer, der wegen Drogenkonsum zum "Idiotentest" musste, erzählt über seinen Erfahrungen.
Der größte Fehler war, ehrlich zu sein und Reue zu zeigen.
Wichtig ist, dass man die Antworten gibt, die der Prüfer hören will, auch wenn sie der eigenen Ansicht widersprechen.

Richtig erkannt wurde:

Sie bestehen die MPU nicht dadurch, dass Sie »einfach die Wahrheit« sagen, denn darum geht es bei der Begutachtung nur am Rande. Bei der MPU soll vor allem untersucht werden, ob Sie verstanden haben, worin die Problematik Ihres Verhaltens gelegen ist und ob Sie das inzwischen nachhaltig im positiven Sinn verändert haben. Mit Wahrheitsfindung hat das nur sehr wenig zu tun!

Unsinn ist aber:

Es wäre sehr naiv zu glauben, dass einfach ein immer gleicher Fragenkatalog abgearbeitet wird und der MPU-Gutachter nur abcheckt, ob Sie die richtigen Antworten gelernt haben. So etwas könnte man viel schneller und einfacher so durchführen wie bei der theoretischen Führerscheinprüfung. Bei der MPU geht es um Ihren individuellen Fall und deshalb betreibt man den hohen Aufwand eines 1-stündigen Einzelgesprächs. Mit Auswendig-Gelerntem kommen Sie da nicht weiter!

Weiter berichtet Alexander (so der anonymiserte Name im Beitrag), dass er mit Freunden an einem See war und dort Alkohol und Crystal Meth konsumiert hat. Selbst gefahren sei er nicht. Daheim seien dann einige Stunden später Polizisten vor der Tür gestanden, die das verlassen abgestellte Auto gefunden hatten. Alexander wird zu Alkohol- und Drogentest aufgefordert. Er willigt ein. Es wird Alkohol und Amphetamin gefunden.

Zitat:
Ein paar Wochen später bekam ich ein Schreiben von der Bußgeldstelle: ein Monat Fahrverbot und 700 Euro Bußgeld.

Hier wird es seltsam:

Warum soll er einen Monat Fahrverbot und 700 € Bußgeld bekommen, wenn doch sein Auto am See steht und er nicht beim Fahren erwischt wurde?

Zitat:
Im vergangenen Herbst, also über drei Jahre später, erhielt ich Post von der Führerscheinstelle: Es sei aufgefallen, dass ich mit "Drogen in Kontakt gekommen" sei.

Das kann durchaus sein:

Da Alexander mit harten Drogen (Crystal Meth zählt eindeutig dazu) auffällig wurde, ist es nicht nötig, dass er selbst gefahren ist. Wer harte Drogen konsumiert, ist zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr ungeeignet. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass etliche Zeit vergangen ist, denn ein Verkehrsverstoß hat ja nicht stattgefunden. Dann kommunizieren nicht alle Ämter schnell.

Zitat weiter:
Ich hatte acht Wochen Zeit, ein positives Gutachten vorzulegen (…) und mich einer MPU, einer medizinisch-psychologischen Untersuchung, unterziehen.

Das glaube ich nicht:

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in einer solchen Konstellation sofort eine MPU verlangt wird. Stattdessen wird zuerst ein fachärztliches Gutachten gefordert, um festzustellen, ob nach 3 Jahren die Drogenproblematik immer noch so weit besteht, dass eine Drogen-MPU nötig ist.

Auf der Internetseite gibt es einige "auflockernde" Abbildungen, die in keinem sinnvollen Zusammennhang zu Alexanders Erfahrungsbericht stehen. Mehr als lächerlich wird es aber an dieser Stelle jetzt:

Zitat:
Psychologen legen den Testteilnehmern Tintenklecksmuster, Motive des sogenannten Rorschachtests, vor.

Sachlich eindeutig falsch:

Bei der MPU wird eine Reihe von Reaktionstests durchgeführt, mit denen festgestellt werden soll, ob der Kandidat die notwendigen geistigen und körperlichen Voraussetzungen führt, um ein Fahrzeug sicher führen zu können. Der Rorschach-Test ist aber kein Reaktionstest, sondern kommt aus einer völlig anderen psychologischen Ecke. Es würde nicht den geringsten Sinn machen ihn bei der MPU einzusetzen. Wer etwas anderes behauptet, hat die MPU nicht einmal im Ansatz verstanden!

Alexander tritt völlig unvorbereitet zur MPU an und fällt natürlich mit Pauken und Trompeten durch - wenig überraschend. Er muss den Führerschein wieder abgeben. Für den nächsten MPU-Versuch will er sich vorher gut vorbereiten.

Zitat:
Wichtig ist allein - das lernt man in professionellen Vorbereitungskursen -, dass man die Antworten gibt, die der Prüfer hören will, auch wenn sie der eigenen Ansicht widersprechen. Es ist ein bisschen wie beim Diktat oder bei Klausuren in der Schule. Man weiß schon vorher, welche Fragen gestellt werden. Und lernt die gewünschten Antworten auswendig.

Das ist absoluter Blödsinn!

Ein »professioneller Vorbereitungskurs« wird ganz bestimmt nicht so funktionieren! Es gibt keine Auswendig-Lern-Fragen bei der MPU, weil das Gespräch mit dem MPU-Psychologen eine individuelle Einzelfall-Begutachtung ist. Lern-Fragensammlungen sind dafür vollkommen nutzlos.

Der Quatsch geht so weiter. Es wird versucht an Beispielen zu zeigen, welches die "richtigen" und welches die "falschen" Antworten sind. Ich schenke mir das hier, denn es führt nicht weiter. Schauen wir also mal, was er weiter von seinem "professionellen Vorbereitungskurs" berichtet:

Zitat:
Zu welchem Anbieter man geht, ist eigentlich egal, die Inhalte sind überall die Gleichen.

Geht's noch plumper?

Die Inhalte sind ganz bestimmt nicht überall die gleichen, weil eine vernünftige Vorbereitung den Einzelfall im Auge haben muss, weil das nämlich bei der MPU auch so gemacht wird. Da die Einzelfälle sehr verschieden sind, versteht es sich ja wohl von selbst, dass die Inhalte der Vorbereitung nicht gleich sein können.

Zitat:
Die Führerscheinstelle fordert einen irgendwann auf, seinen Führerschein abzugeben. Wer sich weigert, bekommt für die Entziehung pauschal 205 Euro aufgedrückt.

Wieder sachlich falsch:

Diese Gebühr ist eine Verwaltungsgebühr und wird vom Landkreis festgelegt. Es gibt in Deutschland deshalb fast so viele unterschiedliche Gebührensätze wie es Landkreise gibt. Von "pauschal" kann keine Rede sein!

Zitat:
Man kann sich gegen die Gutachten nicht wehren

Richtig erkannt:

Ausnahmsweise wieder mal eine korrekte Information: Gegen das MPU-Gutachten gibt es tatsächlich keine Widerspruchsmöglichkeit. Begründet wird das formal damit, dass die MPU selbst kein Verwaltungsakt ist, sondern nur zur Vorbereitung eines Verwaltungsakts dient. Man entscheidet aber selbst, was man mit dem (negativen) Gutachten macht. Heißt konkret: Man muss es nicht abgeben und sollte das auch auf keinen Fall tun! Theoretisch kann man so oft die MPU probieren, bis man pleite ist. Sinn macht das allerdings keine, sondern bevor man einen neuen Versuch startet, ist solide Vorbereitung auf das Gutachter-Gespräch nötig.

Zitat:
Aber die Begutachtungsstellen sehen eben gern, dass man an so einem Kurs teilgenommen hat.

Das ist auch so ein nicht tot zu kriegendes Gerücht. Es geht nicht darum, dass man Teilnahmebestätigungen von zig Kursen sammelt. Sie sollen in dem Vorbereitungskurs, den Sie absolviert haben, natürlich Ihren aktuellen Fall perfekt aufgearbeitet haben und jetzt fit für die Begutachtung sein. Oft wird gefragt, wie man sich auf die MPU vorbereitet hat. Wenn Sie dann eine Bescheinigung von einem Kurs haben, legen Sie die natürlich vor. Es kann dann evtl. als Aufhänger für das Gespräch dienen, muss aber auch nicht.

Weiteres Zitat:
Mein Anwalt sagt, dass es vermögende Menschen gibt, die sich den Luxus leisten und gleichzeitig zwei oder drei MPUs an verschiedenen Stellen machen.

Hanebüchener Quatsch:

Natürlich kann man beliebig viele MPU-Anläufe unternehmen, aber niemals mehrere gleichzeitig bei verschiedenen MPU-Stellen. Das geht ganz einfach deshalb nicht, weil die Führerscheinakte bei der MPU vorliegen muss, und diese Akte gibt es nur ein einziges Mal. Deswegen ist ja der Ablauf so, dass man zur MPU aufgefordert wird, dann angibt, wo man sie machen möchte, und erst dann verschickt die Führerscheinstelle an die ausgewählte MPU-Stelle. Einen anderen Ablauf gibt es nicht. Da hilft auch "wohlhabend sein" nicht weiter.

Zitat:
Im Grunde ist das alles ein Glücksspiel. Und je mehr MPUs man macht, desto größer wird die Chance, dass man irgendwo besteht.

Schon wieder so ein Nonsens:

Man fällt nicht durch, weil man "zu wenig MPUs" gemacht hat, sondern weil die Vorbereitung nix getaugt hat! Das ist ein riesengroßer Unterschied. Mit schlechter Vorbereitung kann man auch problemlos 10x nacheinander ein negatives Gutachten einfangen, weil eben relevante Lücken und Schwächen vorhanden sind. Dass Glück eine Rolle spielt, das ist höchstens dann der Fall, wenn man gut, aber nicht perfekt vorbereitet ist. Dann kann es eben eine gewisse Rolle spielen, welchen Weg im Einzelnen das Gespräch genommen hat. Das ist aber nur ein Rest-Unsicherheits-Faktor und keine entscheidende Komponente.

Zitat:
Im schlimmsten Fall verlangt die Führerscheinstelle einen Abstinenznachweis über zwölf Monate.

Wieder inhaltlich falsch:

Die Führerscheinstelle verlangt gar keine Abstinenznachweise! Diese Nachweise interessieren nur die MPU-Stelle bei der Begutachtung. Was dafür genau nötig ist, entscheidet der Psychologe nicht nach Ihrer Nasenspitze, sondern es ist ziemlich exakt in den Beurteilungskriterien festgelegt. Es gibt nur in wenigen Fällen einen gewissen Entscheidungsspielraum. Unser lieber Alexander wurde mit Crystal Meth erwischt, also einer harten Droge. Deshalb sind 12 Monate Abstinenznachweis vorgeschrieben. Nur bei sehr guter Präsentatiion und Aufarbeitung seines Falles können evtl. 6 Monate in Frage kommen. Aber das ist dann eher Glückssache.

Warum ich das hier so ausführlich schreibe

Der Beitrag ist ja aufgebaut wie ein Erfahrungsbericht eines MPU-Betroffenen. Ich weiß nicht, ob es diesen Alexander wirklich gibt oder ob es nur ein Aufhänger für den Beitrag ist. Das spielt vom inhaltlichen Nutzen für uns auch keine so entscheidende Rolle, meine ich. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass sich der Autor (Aufgezeichnet von Haiko Prengel steht drunter) auf diese Weise recht bequem aus der Verantwortung für die inhaltliche Qualität seines Beitrags stehlen kann:

Nicht er darf angegriffen werden für die vielen von mir heraus gehobenen Unstimmigkeiten, denn er hat ja nur »aufgezeichnet«, was ein Anderer ihm als Erfahrung berichtet hat. Es gibt nirgends einen Hinweis, ob und inwieweit Herr Prengel überprüft hat, was das inhaltlich taugt, was dieser "Alexander" von sich gegeben hat. Das finde ich recht seltsam, denn von einem seriösen Journalist erwarte ich, dass er nicht einfach unkommentiert den nächstbesten MPU-Kandidat berichten lässt. Warum werden nicht wenigstens die inhaltlich grob falsch von "Alexander" behaupteten Dinge angesprochen?

Was folgt daraus?

Wir lesen also anscheinend den Erfahrungsbericht eines Menschen, der bereits einmal bei der MPU durchgefallen ist und es jetzt besser zu machen versucht. Er macht einen "professionellen Vorbereitungskurs", für den er bereits 2000 € hingeblättert hat, aber ganz offensichtlich nicht sehr zufrieden damit ist.Welcher Kurs und von welchem Anbieter erfahren wir nicht. Unser "Alexander" (oder wie er auch immer heißen mag) bereitet sich also auf die MPU vor, aber wir wissen nicht mit welchem Erfolg, da er zu diesem Zeitpunkt den entscheidenden zweiten MPU-Anlauf noch vor sich hat.

Immerhin eine namhafte Zeitung

Nun mag man die WELT als ein Medium der Springer-Presse vielleicht nicht als das Maximum an Seriosität ansehen, aber sie ist zweifellos nicht auf dem Level der Bild-Zeitung anzusiedeln. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass viele Leser zumindest erwarten werden, dass der Beitrag inhaltlich korrekt sein wird, also keine sachlichen Fehler enthält.

Zusammenfassung:

"Ich hab diese Information aus der Zeitung, also muss es ja wohl stimmen!" Diese Gutgläubigkeit ist leider immer noch sehr weit verbreitet. Problematisch finde ich es aber spätestens dann, wenn solche von Ungenauigkeiten und Unwahrheiten strotzende Beiträgen von Menschen gelesen werden, die als selbst Betroffene dringend Informationen suchen.