Die V-Kriterien

Kurz-Zusammenfassung:

Seit der letzten umfangreicheren Aktualisierung der Begutachtungskriterien Mai 2014 hat eine Unterscheidung an Gewicht gewonnen, die bisher viele nur wenig beachtet haben. Festgehalten ist das in den sogenannten V-Kriterien (wobei das V für Verkehrsverstöße steht).

Der erste Gedanke gilt den Punkten

Das hört sich ja eher harmlos an: Verkehrsverstöße. Tatsächlich betrifft es aber ein sehr weites Feld an Vergehen im Zusammenhang mit der Teilnahme am Straßenverkehr. Da sind natürlich die klassischen Punkte-MPUs (früher ab 18 Punkten, jetzt nach der Punktereform ab 8 Punkten). Weil die alten Punkte ja in die neuen umgerechnet werden, sieht es auf den ersten Blick so aus, als hätte sich nichts Wesentliches geändert. Das täuscht aber gewaltig: Während sich bei den "schwergewichtigeren" Vergehen tatsächlich nicht viel geändert hat, sollte man nicht übersehen, dass die "niederen" Verstöße wie z.B. Geschwindigkeitsüberschreitung in Höhe von 21-25 km/h früher einen Punkt brachten und heute weiterhin. Das bedetet, dass man früher theoretisch 17x durfte, jetzt aber nur noch 7x, was schon eine erhebliche Verschärfung bedeutet.

Genau das war mit der Punktereform beabsichtigt: Man wollte den notorischen Serientätern viel früher einen Riegel vorschieben.

Die »Serientäter«

Auch wenn viele die Verbindung Verkehrsverstöße = Punkte sofort im Kopf haben, setzen die V-Kriterien an einer ganz anderen Stelle an: Die auffällige Häufigkeit des oft immer wieder gleichen Verstoßes ist das zentrale Merkmal, um das es hier geht. Dabei spielt es keine wesentliche Rolle, wie schwerwiegend dieser Verstoß ist. Es ist nur so, dass vergleichsweise unspektakuläre Verstöße meistens nicht weiter auffallen und ja auch nicht in der Flensburger Kartei erfasst werden. Das schützt aber nicht automatisch davor, dass man zur MPU aufgefordert werden kann, wenn die besondere Häufung doch auf irgendeine Weise entdeckt wird. Das kann beispielsweise dadurch geschehen, dass ein besonders eifriger Sachbearbeiter des örtlichen Ordnungsamts die Führerscheinstelle darüber informiert, dass Herr X. schon seit vielen Monaten regelmäßig alle paar Tage an der immer gleichen Stelle verbotenerweise parkt und eine Verwarnung nach der anderen erhält, was ihn aber nicht zu beeindrucken scheint. Diese Information weiter zu leiten ist zwar nicht die Aufgabe des Sachbearbeiters, aber es ist ihm auch nicht verboten, wenn er das aus welcher Motivation auch immer von sich aus tun möchte.

Die Vermutung im Hintergrund

Dass einem auch aus einem Verhalten, das sicher die meisten Autofahrer als lächerliche Bagatelle ansehen, ein Strick gedreht werden kann, ist auf den ersten Blick nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Und auf den zweiten Blick auch noch nicht. Der springende Punkt ist folgender: Herr X. hat sich durch die ungewöhnliche Häufung seiner »Klein-Verstöße« als ein Verkehrsteilnehmer zu erkennen gegeben, der es ganz offensichtlich mit den Regeln nicht so genau nimmt. Schlimmer noch: Er maßt sich an selbst zu entscheiden, welche Regeln er beachtet und welche er ignoriert.

Ich will es mal provokativ ausdrücken: So viel Eigenständigkeit darf es in Deutschland nicht geben!

So, Provozier-Modus wieder ausgeschaltet: Tatsächlich ist der Gedanke im Hintergrund nicht ganz so abwegig. Es wird einfach vermutet, dass ein Mensch, der von Fall zu Fall entscheidet, welche Regel für ihn gilt und welche nicht, sehr wahrscheinlich auch bei anderen Gelegenheiten so handeln wird. Erhöhtes Autonomiebestreben wird das im MPU-Jargon genannt. Ein solcher Mensch lässt sich nicht gerne reinreden, und er neigt dazu seine eigenen Interessen höher zu bewerten als die anderer. Genau darin kann aber ein erhebliches Gefahrenpotenzial für die Allgemeinheit im Straßenverkehr bestehen.

Zurück zum Realitätsbezug

Das Beispiel mit dem notorisch verboten parkenden Herrn X. ist natürlich nur das eine Ende der Fahnenstange. Man sollte nicht übersehen, dass die meisten MPU-Kandidaten, die wegen einer verkehrsrechtlichen Fragestellung antreten müssen, mit teilweise recht krassen Übertretungen aufgefallen sind (ganz obenan natürlich die Geschwindigkeit). Weil aber längst nicht hinter jeder Hausecke ein böser Ordnungshüter lauert, kommen auf einen erfassten Verstoß sehr viele, die nicht aufgefallen sind. Und wenn jetzt einer nicht nur einmal erwischt wurde, sondern viele Male, dann ist die erhöhte Gefahr für andere schon nachvollziehbar.

Nicht können oder bloß nicht wollen?

Der psychologische Gutachter hat für die Erstellung seiner Prognose hier die Aufgabe das problematische Verhalten des MPU-Kandidaten sehr genau nach Ursachen zu durchleuchten. Man kann ja schon mit einer gewissen Berechtigung die Frage stellen, wieso sich z.B. der Punktesammler, der schon 6 oder 7 Punkte beisammen hat, nicht einfach wenigstens so lange am Riemen reißt und sich konsequent an die Verkehrsregeln hält, bis er wieder einige Punkte abgebaut hat. Eine wirklich vernünftige Antwort (ich meine als Maßstab den berühmten "gesunden Menschenverstand") liegt nicht gerade auf der Hand.

Bei der MPU wird deshalb davon ausgegangen, dass hier anscheinend ein mehr oder weniger schweres Problem bei der Anpassung an Regeln generell besteht. Der springende Punkt dabei ist: Handelt es sich um mangelnde Anpassungsbereitschaft (ist es eventuell einfach lästig, sich strikt an Regeln zu halten, die die Handlungsfreiheit einengen?), oder ist vielleicht die Fähigkeit, sich anzupassen, bei dieser Person gar nicht ausreichend entwickelt? Das ist ein großer Unterschied, weil es sich im zweiten Fall nämlich um eine Persönlichkeitsstörung nach psychiatrischen Maßstäben handeln würde (antisoziales Verhalten beispielsweise). Um die zu beheben, wäre dann eine ausführliche Therapie nötig.

Die Besonderheit verstehen:

Mit Blick auf die V-Kriterien sollte Ihnen deutlich geworden sein, dass eine Punkte-MPU (oder jede andere hauptsächlich verkehrsrechtliche Fragestellung) auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt ist als die Alkohol-MPU oder Drogen-MPU. Bei diesen beiden gibt es ja die Möglichkeit, Abstinenz durch Urinproben oder Haaranalysen nachzuweisen. Damit hat man zwar noch lange nicht das positive Gutachten in der Tasche, aber immerhin lässt sich damit schon mal eine rein äußerliche Veränderung demonstrieren. Bei den V-Kriterien gibt es so etwas nicht. Dazu kommt erschwerend, dass es sich gerade bei Punkte-MPU immer um klassische Wiederholungstäter handelt (denn sonst wären ja die heute 8, früher 18 Punkte, gar nicht zusammen gekommen!). Das Punktesystem ist auch noch so ausgetüftelt aufgebaut, dass es Warnschüsse gibt (das Aufbauseminar für Punkteauffällige) zu genau festgelegten Zeitpunkten. Mal ganz ehrlich: Es kann ja wohl keine Rede davon sein, dass man ahnungslos in die Punkte-Falle getappt ist. Warum sollte also der psychologische Gutachter einem solchen Mensch jetzt glauben, dass er in Zukunft plötzlich ein regeltreuer Verkehrsteilnehmer sein wird? - Sie ahnen hoffentlich, wo hier das Problem für die MPU liegt.



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